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                          "neuland – finden, erkunden, ankommen“
                                                           

reliquien & relikte*

* so steht es geschrieben über dem schaukasten neben dem eingang zu einer der ältesten kölner druckereien, zimmermann druck + medien. gemeinsam mit dem chef des seit 128 jahren bestehenden betriebs, andreas zimermann, besuchte ich während meiner ausbildung zum buch- und offsetdrucker ende der 1970er-jahre die berufsschule. im schaukasten werden alle paar wochen arbeiten von künstler_innen gezeigt, die der druckerei verbunden sind. ich freue mich, in der druckerei meines vertrauens meine rheinschwemmfiguren zeigen zu können. (fotos: heidi etzbach)

zimmermann druck + medien · victoriastr. 4 · 50668 Köln

 

ausstellungsprojekt des museum zons
zum themenjahr "neuland"

7. juli bis 25. august 2019 ·
museum zons · schloßstraße 1 · 41541 dormagen

„heimat ist kein ort, sondern ein gefühl…*“

mein beitrag zum ausstellungsprojekt „neuland“ besteht aus gegenständen, die mir menschen als ihre "heimat"-gegenstände gegeben haben und zugehörigen texten, was für sie heimat bedeutet. hier folgen exemplarisch drei von ca. 80 einreichungen:

Erinnerungsort: Rheydt, Krankenhausstraße (heute: Heinrich-Pesch-Straße, Mönchengladbach-Rheydt)
Erinnerungspunkt: alter Birnbaum „Luisenbirne“ im Garten. Der Baum fiel der Anlage der Spessartstraße zum Opfer, für die ein Teil des Grundstücks im Tausch abgegeben werden mußte.
Haus und Garten wurden von meinem Urgroßvater erworben und war Familienwohnsitz. Er war Hilfsarbeiter und finanzierte das Haus u.a. dadurch, dass sein Chef jeden Morgen vorbeikam und ein Glas Milch von der Geiß (Jeiß) bekam, die mein Urgroßvater im Stall hielt. Jedes Mal zahlte er dafür 2 Pfennig. Zudem hielt mein Urgroßvater dort Hühner und verkaufte die Eier.
Ich war als Kind des Öfteren dort. Es wurde viel erzählt am Küchentisch oder an der Kaffeetafel. Es war noch die Vor-Fernseh-Zeit, ganz zu schweigen vom Internet.
Eine Geschichte aus meiner Kindheit: Auf der anderen Straßenseite verlief die Eisenbahn und gegenüber dem Haus war eine Fußgängerbrücke. Von dort versuchten wir Kinder oft, in den Schornstein der Lokomotiven zu spucken, sehr zum Leidwesen der Mütter, denn es kam nicht nur Wasserdampf heraus.
H.G.K. (68) bild: albert fichtner, rheydt (heute spessartstraße) 1962, aquarell

Meine Kaiser-Lampe fasziniert mich. Zum einen wegen ihres Designs – ich mag die Form, die Farbe sehr; zum anderen aufgrund ihres historischen Hintergrunds, zumal hier in Deutschland. Diese Lampe hat die Nürnberger Prozesse erlebt. Prozessunterlagen, Dokumente, Übersetzungen wurden von ihr beleuchtet. Sie ist Zeitzeugin. Letztlich unterscheidet sich meine Lampe nicht von anderen Kaiser-Lampen, doch ihre Geschichte macht sie für mich einzigartig.
Heute steht die Lampe auf einer Blumensäule neben meinem Schreibtisch, der vollkommen anders ist als der Tisch in Nürnberg. Und erfüllt nach wie vor ihren Zweck: zu beleuchten, zu erhellen. Sie ist einfach da, so souverän, so imponierend – ich liebe sie.
Wenn ich nach Hause komme, im Dunkeln, und die Lampe anmache, überkommt mich eine friedliche Stimmung, ich sehe wieder klar. Wenn ich mich dann setze, meine Schuhe ausziehe, dann bin ich heimgekommen.
Das ist Heimat für mich.
Ich habe meine Kaiser-Lampe von einem Lieblingsmenschen geschenkt bekommen, der sie seinerseits von einem Menschen geschenkt bekam, dem er viel bedeutete. Irgendwann werde auch ich sie jemandem hinterlassen, der mir wichtig ist. So findet sie im Laufe ihres Daseins stets aufs Neue einen Raum, den sie erhellt.
Einstweilen erleuchtet sie meinen Raum, mein Zuhause, meine Heimat. Und sie bleibt; sie ist aus Metall, ist solide. Sie bestand vor mir und wenn ich gehe, existiert sie weiter. Das finde ich toll.
W. Z. (56); italo-brasilianischer Migrationshintergrund
Die Schreibtischleuchte Kaiser idell 6556 (idell = Idee von Dell) wurde 1934 von dem Designer Christian Dell für das Unternehmen Gebr. Kaiser & Co. Leuchten entworfen und bis ca. 1955 produziert. Inzwischen gilt sie neben weiteren idell-Leuchten als Designklassiker. Die Rechte an der Marke idell und die Lampenproduktion sind heute im Besitz des dänischen Unternehmens Republic of Fritz Hansen.
Christian Dell (*1893, †1974) war Silberschmied, Lehrer für Industriedesign und Meister am Weimarer Bauhaus. Ab 1926 leitete er die Metallwerkstatt der Frankfurter Kunstschule. Nachdem er 1933 auf Druck der Nationalsozialisten entlassen wurde, ging er ins Innere Exil. Seit 1926 entwarf er Beleuchtungskörper für verschiedenen Hersteller. Am bekanntesten sind heute die Kaiser-idell-Leuchten.
Das Unternehmen Gebr. Kaiser & Co. Leuchten wurde 1895 in Neheim gegründet und war zwischen den Weltkriegen einer der größten Lampenhersteller dort, nicht zuletzt aufgrund der funktionalen Schreibtischleuchten Christian Dells, mit denen viele Behörden ausgestattet wurden, insbesondere mit Lampen des Typs idell 6556.
Infolge der Bombardierung der Sperrmauer der Möhnetalsperre in der Nacht vom 16. Auf den 17. Mai 1943 wurden die Fabrikanlagen vollständig zerstört. Allein in Neheim gab es 859 Todesopfer, darunter 712 Ausländer. Auch viele Zwangsarbeiterinnen der Firma, die im Zwangsarbeiterlager Möhnewiesen unterbegracht waren, starben.
Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Dell · https://de.wikipedia.org/wiki/Kaiser-Leuchten
http://www.fraulampe.de/html/body_hersteller.HTM

Solidarität STATT Heimat – wirklich? Ich habe 2018 den Aufruf „Solidarität statt Heimat“ unterzeichnet. Er richtete sich gegen Fremdenhass und Rassismus. Die Gegenüberstellung von „Solidarität“ und „Heimat“ darin stieß mir aber unangenehm auf. Kernaussagen des Aufrufs: „Der deutsche Pfad von Sparpolitik und einseitiger Exportorientierung … schafft prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen und nährt Zukunftsängste. Seine Probleme lassen sich nicht durch … nationalistische Wohlfahrtsstaatlichkeit lösen, die auf … Abschottung setzt – und auf weltfremde Phantasien einer ´Steuerung´ von Migration und des wohligen Privatglücks in der ´Heimat´“. Diese negative Aufladung von „Privatglück“ und „Heimat“ finde ich ungut. Nach meiner Heimat gefragt, zögere ich, um dann zu antworten: „Oberschwaben/Bodensee“. Zögern, weil das Wort fremd – weil CSU-belastet – erscheint. Mir fällt sofort die TV-Serie „Heimat“ von Edgar Reitz ein – die ist in keiner Weise rechtslastig, sondern voller solidarischer/gemeinschaftlicher Liebe zur Heimat Hunsrück. Am 22.7.2018 demonstrierten in München 50 000 Menschen gegen Seehofer, Salvini, Orban & Co. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete tags darauf von einer Demonstrantin, „die vom Chiemsee gekommen ist und ein traditionelles Dirndl trägt… Das Dirndl hat sie extra angezogen: um zu zeigen, dass sie ´Bayern sich nicht wegnehmen lässt´“. Der Träger einer Bayern-Fahne wird so zitiert: „Damit ich mich für Bayern nicht nur schämen muss“.
„Nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja -: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland… Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Straßen sehen, am Rande der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann hört er dort ihr Herz klopfen… So widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Land lassen, ... – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht […] nehmen wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben.“
Kurt Tucholsky, 1929, in Band 7, Gesammelte Werke (Rowohlt 1981), Seite 312
W. W. (70); als Jugendlicher sprach ich nur Schwäbisch; in der Studienzeit und danach hasste ich den Heimatdialekt lange; heute probiere ich ab und an wieder die heimatlich-schwäbischen Sprachklänge aus und versuche mich in den Sound und die schwäbische Mentalität hineinzufühlen und -zuhören

*Kutlu Yurtseven, Microphone Mafia

                                                           
                                                           
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