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texte · text / über n m fluss / deutzer brücke 2007

wdr3, resonanzen
beitrag von rauol möhrchen
daniel lohmann (architekt): der name sagt es vielleicht, die schäl sick wall; also, wir haben überlegt, dass eine mauer im prinzip immer ein symbol für trennung ist und die brücke das gegenteil, eine brücke ist die verbindung von zwei ufern, und wir wollten diese mauer in den köpfen, also die trennung von köln und schäl sick, die wollten wir symbolisieren und einfach dadurch zei-gen, dass wir den eigentlich verbindenden raum der brücke radikal versperren und diese mauer in den köpfen aufzeigen.
autor 1: 150 meter ist der raum lang, doch gerade einmal zehn meter breit. Über uns rasen autos und straßenbahnen von deutz alias schäl sick in die kölner altstadt und zurück und füllen die luft hier unten mit einem unheim-lichen, dumpfen grollen. wer vom rechtsrheinischen ufer kommt, hat schon einen beträchtlichen fußweg hinter sich durch den hohlkörper der deutzer brücke, wenn sich ihm daniel lohmanns wand plötzlich in den weg stellt: 400 rote kölschkisten, von innen hell erleuchtet, zerschneiden mit einer großen geste die lange, schmale achse und zeigen an: dahinter, jenseits der wand, da liegt köln. von dort aus betrachtet, bietet sich wiederum ein ganz anderes bild. denn die rückseite der wand ist flächendeckend verspiegelt: der eitle kölner er-kennt darauf nur sich selbst.
mag sein, dass die metaphorik der schäl sick wall nur eingeweihten ein lächeln ent-locken wird, die geste des durchschnittenen raums aber wirkt nachdrücklich und ist hier am rechten ort: denn der insgesamt fast einen halben kilometer messende hohlkörper unter der deutzer brücke will als ausstellungsraum nicht einfach hingenommen, sondern bewusst bespielt werden.
joachim römer: und das war zum beispiel so.... es ist ja ein ganzer teil der künstler-innen und künstler gekommen aus schottland, die haben vorher nur videos gesehen und fotos von dem raum, und die haben dann konzepte gemacht, und als sie dann das erste mal hier drin waren, da habe sich viele arbeiten ziemlich verändert. denn wenn alle sinne in dem raum drin sind, das verändert auch das denken und das herangehen an die kunst.
autor 2: zum dritten mal hat joachim römer mit seiner schottischen kollegin elizabeth ogilvie den hohlkörper der deutzer brücke randvoll mit kunst gefüllt. "über n m fluss" oder, je nach lesart, auch "über'n fluss" lautet das aktuelle motto, doch im kern geht’s hier unten im grunde ja immer um dasselbe: nämlich um eine verständigung oder auch eine handfeste ausein-andersetzung mit einem so unwirtlichen wie faszinierenden urbanen unort. die deutzer brücke, das ist die kehrseite des white cube, des weißen galerie-raums, der sich selbst verneint, um der kunst freie bahn zu lassen. die brücke dagegen ist nolens volens immer teil des ästhetischen erlebens, sie als künstler und betrachter nicht zu beachten, schlichtweg fahrlässig.
auch die junge isländerin hildur steinthorsdottir hat es mutig mit ihr aufge-nommen. auf einer der schier endlos anmutenden wände klebt sie ein auf den ersten blick ver-wirrendes linienmuster aus schwarzen und silbrig schimmernden klebebändern. schaut man länger hin, so erkennt man eines jener vexierbilder, die dem betrachter die illusion einer dreidimensionalen struktur vortäuschen. doch mit dem schauen allein ist es hier nicht getan. mit kleinen klemmleuchten an den armen kann man sich ganz nach eigenem willen in die struktur wortwörtlich hineinblenden und mit seinen bewegungen die starre wand zum tanzen bringen.
hildur steinthorsdottir (architekt): ich habe mir überlegt, dass die wände hier so stark sind, keine fenster, sie sind hier und du bist hier und in einem raum geschlossen, und dann wollte ich den fokus auf die wände geben und direkten kontakt damit. meine hoffnung ist, dass die leute fangen an sich anders zu bewegen, wenn sie sehen, dass die wand und der dachboden zurück antwortet auf deine bewegung... ich hoffe, der körper fängt an, sich anders zu bewegen und dann sieht man die raum anders. auch wenn man weiter geht von dem projekt, dass man die erinnerung vom dem raum besser hat...
autor 3: 38 zumeist noch junge künstler aus 13 ländern sind dieses mal am start. viele von ihnen kommen aus schottland vom edinburgher college of arts und haben den studiengang art, space and nature absolviert – ein inter-disziplinärer ausbildungsbe-reich, der von vornherein kunst als raumkunst denkt und bewusst auch architekten oder landschaftsplaner willkommen heißt. entsprechend reich an perspektiven ist der lange parcours unterhalb der deutzer brücke: viele arbeiten stellen sich selbstbewusst mit großen formaten dem publikum in den weg, andere sind im dämmerlicht kaum zu er-kennen: von der interaktiven installation über weiträumige bodenskulptu-ren bis zur filigranen wandzeichnung präsentiert "über n m fluss" trotz und dank der schwierigen räumlichkeiten ein weites kunstpanaroma. erstmals schließt es in diesem jahr auch musik und klangkunst ein. den studenten des kölner kompositionsprofessors johannes fritsch geht die deutzer brücke so-gar noch mehr an den kragen als ihren kollegen von der bildenden kunst: denn jeder klang, den sie in den weiten raum schicken, muss sich behaupten gegen das getöse eines unaufhörlichen verkehrsstroms. man kann hier unten nur mit ihm schwimmen, nicht aber gegen ihn.

text des einladungsflyers:
"die brücke … symbolisiert die ausbreitung unserer willenssphäre über den raum. indem sie das hindernis – den fluss, das tal, die schlucht – überspannt, überwindet sie das trennende, ohne es zu verleugnen. es ist vielmehr in ihre gestalt und idee sinnfällig mit eingeschlossen. um etwas verbinden zu wollen, muss man es immer schon als getrennt begriffen haben …
auf dem scheitelpunkt des brückenwegs, mitten über dem strom, überlagern sich die bewegungen und die dimensionen des raumes und erzeugen ein seltsames gefühl von ortlosigkeit, als sei man aus allen festen beziehungen herausgehoben …
sofern man noch nicht abgestumpft ist durch alltägliche gewöhnung … gewährt einem die brücke das wunderliche gefühl … zwischen himmel und erde zu schweben.
die brücke überspannt den abgrund, das fließende wasser … und so ist sie auch in den träumen das symbol des Übergangs und der veränderung, bedeutet rettung oder unausweichliche gefahr."

aus: dieter wellershoff, pan und die engel. ansichten von köln, köln 1990

hye kyung, cho süd-korea · florian dietz, deutschland · hamer dodds, großbritannien · kenichiro egami, japan · mayte espinosa saldivar, mexiko · pierre galic, deutschland · lucy gallwey, großbritannien · eric henzler, deutschland · sebastian karbowiak, deutsch-land · masahiro kawanaka, japan · yunyung kim, süd-korea · florian kluge, deutschland · lucy letcher, usa · daniel lohmann, deutschland · rodrigo lópez-klingenfuss, argenti-nien · lina ma, vr-china · ali holman marr, großbritannien · julia martin, deutschland · kirsty mcdonald, großbritannien tokumasa matsubuchi, japan · yan ting ni, vr-china · oxana omeltschuk, weißrussland · trine pedersen, dänemark · manfred rücker, deutsch-land · simon rummel, deutschland · kei sakurai, japan yoko sakushima, japan · kane-yuki shimooskao, japan · edward simpson, großbritannien · dan smernicki, groß-britannien · hildur steinthorsdottir, island · amanda tjaden, usa · miriam walsh, irland · vao-pang wang, taiwan · louise webb, großbritannien · yu huan yu, vr-china · syuan-fu yu, taiwan · tian tian yu, vr-china

spannung im spannbetonkörper der deutzer brücke:
sie stammen aus 13 verschiedenen ländern, sind bildende künstlerinnen, musikerinnen, landschaftsarchitektinnen, komponistinnen, performancekünstlerinnen, tänzerinnen und architektinnen. unter der fahrbahn der brücke im ca. 440 meter langen betonraum treffen sie sich zu einem laboratorium zeitgenössischen kunstschaffens. die deutzer brücke dient als inspiration und gemeinsame kraft, aber auch als vermittlerin und alternativer ausstellungsort. ursprünglich rein konstruktiv dient der hohlkörper seit jahren künstlerinnen als aktions- und ausstellungsraum. der fensterlose betonschlauch eröffnet außergewöhnliche möglichkeiten für künstlerische interpretationen.
bereits zum dritten mal – nach spaen 2003 und dudelsack 2005 – versammelt über m n fluss hier internationale junge künstlerinnen und künstler mit ihren installationen und performances. initiiert von der edinburgher künstlerin und dozentin am edinburgh col-lege of art (eca), elizabeth ogilvie, wurde über m n fluss in zusammenarbeit mit dem komponisten und hochschullehrer johannes fritsch (hochschule für musik köln) und dem künstler joachim römer (köln) entwickelt.
die für über m n fluss konzipierten und vor ort geschaffenen arbeiten gehen vom innen-raum der brücke aus, dem sperrigen «nebenprodukt» der brückenarchitektur. die brücke selbst und den fluss, den sie überspannt, deklinieren die beteiligten in allen erdenkli-chen facetten und bedeutungen durch. das projekt vereint nicht nur künstler-innen dreier kontinente, sondern auch eine bandbreite von kreativen ansätzen. visuelle kunst, musik, architektur, landschaftsarchitektur, musik, klangkunst, performance und tanz sind die felder in und zwischen denen sich die 38 teilnehmenden bewegen.
ein teil von ihnen schließt gerade den postgradualen studiengang art, space and nature am edinburgh college of art ab. sie treffen auf kölner künstlerinnen, von denen einige ihr studium bei johannes fritsch absolvierten, und auf künstlerinnen der galerien the clean sisters (osaka) und weißraum (kyoto) aus japan.
Überqueren sie vom 22. märz bis 4. april den rhein zwischen fahrbahn und fluss – einem besonderen ausstellungsparcours folgend. genießen sie in einem der ungewöhn-lichsten räume kölns ein spannendes und stimulierendes kunstereignis mit zeitgenössi-schen installationen und performances. gönnen sie ihren sinnen einen irritierenden aus-flug: "der kopf ist rund, damit das denken die richtung ändern kann." f. picabia


lauter digitale migranten / über m n fluss
von dr. peter v. brinkemper
"wir übersetzen uns und andere immer weiter, in raum, zeit, wort, kultur, sinn, wert und leben – migration als sprach- und lebensbewegung, lauter junge digitale migranten."
vom 22. märz bis 4. april 2007 fand in der deutzer brücke überm kölner rhein das 3. internationale installationskunst-projekt statt – unter leitung von elizabeth ogilvie, künstlerin und dozentin am edinburgh college of art, und joachim römer, künstler und initiator aus köln. prof. georg quander, kulturdezernent der stadt köln, eröffnete die veranstaltung und bewies damit erneut engagement für die freie kunstszene.
die jungen künstler, architekten, wissenschaftler und musiker verwandelten die tunnel-artigen räume unter der fahrbahn in kompakte, oft eigentümlich konzentrierte raumab-schnitte. ihre installationen transformierten das dreibögige luft-beton-und-stahl-terrain mit seiner donnernden verkehrs-soundkulisse zu neuen räumlichen settings und beweg-ten sich dabei mit auffallender selbstverständlichkeit zwischen den verschiedenen küns-ten, medien und kulturen hin- und her. die brücke als modell der einfachen und kom-plexen Übersetzung wurde dabei vielfältig reflektiert, analysiert und neu interpretiert. vorherrschend waren formale, fraktale, modulare und intermediale modelle der kom-munikation zwischen regionaler kultur und ihrer hybridisierung – die als folge einer freiwilligen oder erzwungenen, unbewussten oder reflektierten transformation durch globale Ökonomien im spannungsfeld von ökologischen imperativen und kriegskonsum-politik gedeutet werden kann. die erfahrung der interkulturellen kommunikation spitzt sich dabei oft auf einzigartige weise zu.
unter verwendung spezifischer modelle und ebenen der Übersetzung lassen sich die gezeigten arbeiten folgendermaßen typisieren:
modell 1: der fremde am gartenzaun und am anderen ufer. hierbei wird der einfluss-bereich der eigenen kulturellen herkunft nicht verlassen, sondern als identitätsstiften-der kontext betont. es findet eine kontrastierende begegnung des ausgangspunktes mit dem anderen statt.
modell 2: hybrid. verschiedene positionen und kulturelle hintergründe überlagern sich, scheinbar zunächst in ausnahmefällen, dann häufiger in Überschneidungen und be-ginnenden verschmelzungen. es entsteht eine anfänglich zwiespältige, fragmentierte identität zwischen mehreren kulturen. deren verschiedene bestandteile sind zunächst noch als inseln, flecken, cluster und streifen wahrnehmbar, mit zonen der Überlappung und scharnier-strukturen, mit der zeit werden sie jedoch zunehmend zu einem hybrid verschmelzen.
modell 3: zwiebel. die kontexte zweier oder mehrerer welten lagern sich umeinander ab, ihre unterschiedlichen sprachen, werte, perspektiven und praktiken werden in "layern" erlernt und praktiziert, neue kontexte können jederzeit hinzugefügt werden. so wird eine vielfältige, aber geordnete identität ausgebildet, deren schichtung ältere, frühere kulturelle identitäten fast vollständig verdecken kann. durch die verdrängung wird ein inneres anderes herausgebildet, das als doppelter boden beim leben in der zweiten oder weiteren kultur helfen oder verunsichern kann.
modell 4: digitale migranten. eine starre ausgangs-identität und traditionsverhaftung wird völlig aufgegeben: man versteht sich nicht mehr als angehöriger einer kultur, sondern tritt als multikultureller weltbürger aus ihrem horizont heraus. aus verschiede-nen kulturen und fragmenten setzt man sich sein individuelles identitäten-patchwork zusammen. dies erfordert kontinuierlich hochdifferenzierte “Übersetzungen” und brückenschläge zwischen sprachen und disziplinen. wichtigstes werkzeug und medium wird dabei die transportable digitale ausrüstung und individuelle vernetzung: "wir übersetzen uns und andere immer weiter, in raum, zeit, wort, kultur, sinn, wert und leben – migration als sprach- und lebensbewegung, lauter junge digitale migranten."
lots of digital migrants / über m n fluss
by dr. peter v. brinkemper
"we are always continuing to translate ourselves and others into space, time, word, culture, – migration as a language and life movement. lots of young digital migrants."
the third international art installation project in the deutzer brücke over the rhine, cologne took place in march-april under the direction of elizabeth ogilvie, edinburgh college of art, and the cologne-based artist joachim römer.
prof. georg quander, responsible for cultural affairs in cologne city’s kuturamt, opened the event with a speech showing new commitment towards the independent art scene.
it is striking how naturally the young artists, architects, scientists and musicians trans-formed the vast three-arched concrete space with its thundering traffic creating power-ful and very focused installations. they converted whole areas of the interior, switching from one media and culture to another. clearly, the bridge itself serves as a model of a simple yet difficult translation, constantly reflecting, analyzing, and dividing while at the same time acting as a link.
formal, fractal, models of communication prevail. they fluctuate between regional culturalism and voluntary or enforced conversion via the global economy and the con-flicting concerns of economical imperatives and kicked-off war consumption policy. as a result, the whole experience of intercultural exchange sharpens in a sensational way. in this sustaining ambience, the artists are readily able to produce new ideas and consider different models and levels of translation:
model 2: hybrid. different positions and cultural backgrounds are brought together and overlap each other. the crossovers are exceptional at first, and then more regular, until overlappings become fusions. the result is an initially controversial, fragmented identity between several cultures, who’s various components are still visible as islands, clusters, strips and blotches, with overlaps and hinge structures. however, over time these will increasingly melt into a true hybrid.
model 3: onion. the contexts of two or more worlds are wrapped around each other, their different languages, values, perspectives and practices are being learned and used in a system of layers, to which new contexts can be added at any time. in that way, a diverse but structured identity is formed, whose deeper cultural components might be-come completely obliterated by the layering structure. from these hidden influences an inner “other“ might emerge, either helping or hindering life in a secondary or adopted culture.
model 4: digital migrants. the association with a rigid original identity or tradition is completely abandoned: one doesn’t describe oneself anymore as member of a particu-lar culture, but steps outside its horizon, as a multicultural world citizen. from various cultures and fragments of contexts individual identity patchworks are created. this con-tinuously calls for highly differentiated translations and bridges between languages and disciplines. the most important tools and media for the construction and maintenance of these multi-faceted and quickly evolving identities are network access and (port-able) digital equipment.
"we are always continuing to translate ourselves and others, into space, time, word, culture – migration as a language and life movement, lots of young digital migrants."
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