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unterblicken · underviewing / kölner südbrücke 2002, gemeinsam mit trude armbrüster

standbilder aus dem film "über die herstellung von brillenglasvorhängen für eisenbahnbrücken"
die zeit, kulturbrief, 6.9.2002
unterblicken – südbrücke, köln
kölner künstler schaffen durchblick: von der südbrücke aus blickt man durch einen perlenvorhang auf das stadtpanorama kölns. 70000 auf angelschnüre aufgereihte brillen-gläser am rückengeländer sorgen für durchblick. der gläserne vorhang ist über 156 meter breit und 15 meter lang und hängt damit fast bis auf den rhein hinunter.
das aufreihen der gläser nahm mehrere monate in anspruch, bevor die einzelnen teile vernetzt werden und an der südbrücke herabgelassen werden konnten. durch die gläser sieht man die stadt in verschiedenen varianten: zersetzt, vervielfältigt, verdreht und auf den kopf gestellt. und wenn die züge über die brücke donnern und der wind mit den gläsern spielt, hört man bestimmt auch neue töne. das projekt kostete rund 11.000 euro. unterstützt wurden die kölner künstler von kunstbegeisterten freunden und be-kannten.
kölnische rundschau, 3.9.02
künstler joachim römer installiert riesiges kunstprojekt an der südbrücke – ein vorhang aus glas, der seltsam musiziert
der vorhang blinkt und glitzert in der sonne, und wenn der wind hineinfährt und die tausenden kunststoffbrillengläser sanft gegeneinander schlägt, entlockt er ihnen eine seltsame musik. er klingt wie ein munterer bach, der sich murmelnd und glucksend den weg durch sein bett sucht. an der südbrücke entfaltet sich derzeit ein faszinierendes kunstprojekt... Durch die Brillengläser ergibt sich nun wieder ein ganz neuer, fremder Blick...
wdr 2, zwischen rhein und weser,
markus kasperek, montag 16.9.02, 16.47 uhr
anmoderation: falls sie ihre lesebrille suchen wundern sie sich nicht, wenn die plötzlich an einem völlig ungewöhnlichen ort auftaucht. gucken sie doch zum beispiel mal in köln nach, an der südbrücke, rechtsrheinische seite: da hängt so ein komischer vorhang von der brückenkante und der sieht aus, als hätten 100 optiker zusammen einen teppich ge-knüpft.
sie klappern leise wie ein windspiel und funkeln dabei in unzähligen farben. über 70000 brillengläser hängen an angelschnüren von der alten kölner eisenbahnbrücke herunter. wie ein dauerregen aus übergrossen tautropfen in denen sich das licht bricht, verändern sie den blick auf das rheinpanorama und die massive rheinbrücke.
o-ton römer: das ist ja im grunde ein denkmal einer industriellen phase die vorbei ist. man könnte es “eisenzeitalter” nennen. und diese brillengläser sind ja auch ein industri-eller stoff – das steht aber für eine andere zeit: kunststoff. und den versuch zu machen, die beiden sachen zusammenzubringen und daraus poesie zu schlagen. das der funke der poesie da herausspringt. das war der gedanke.
doch bis zu diesem poetischen funken gab es für den kölner künstler joachim römer einiges zu tun. neben einer menge material und vielen freiwilligen helfern brauchte er vor allem die idee und die hilfe der 81jährigen kölner sammlerin trude armbrüsster.
o-ton armbrüster: ich habe ja ganz viele perlen gesammelt und dann hab ich auf einmal brillengläser bei mir zu hause noch in der schublade gefunden und dann hab ich die optiker in meiner umgebung und auch ein paar in der stadt angesprochen, sie sollten die brillengläser nicht wegschmeissen, die alten, sondern in ein kästchen tun. das haben die auch gemacht, und wenn die kästchen voll waren haben sie mich angerufen.
der zentralverband der augenoptiker half ebenfalls tatkräftig. mit, so dass in nur zwei jahren die brillengläser zusammenkamen. morgens und abends scheint die sonne nun genau auf die installation mit dem namen unterblicken. beeindruckend für spaziergänger und freizeitsportler gleichermassen.
o-ton passantin: ich bin extra gekommen, ich war eigentlich heute auswärts, und das wollte ich mir gleich anschauen, also ich bin schon beeindruckt.
o-ton passant: beeindrucken tut mich die andere sichtweise auf die stadt köln, das ist anders als das gewohnte bild.
o-ton passantin: ja, ich find es nett. dass sich das im wind hin und her bewegt. und die farben so schimmern.
o-ton kind: ja, das gefällt mir auch.
o-ton passant: mir fehlen zur zeit die worte. ich bin echt nur noch am staunen.
trude armbrüster hat eine ganz eigene wahrnehmung ihres kunstwerks:
o-ton armbrüster: joachim römer wollte ja der brücke eine kette umhängen. und ich finde, jetzt hat sie ein diamantkollier umhängen.

kölnische rundschau, 9.9.02
begeisterte reaktionen auf vorhang aus 70000 gläsern an der südbrücke – brillenkunst klimpert und klirrt im wind
die atmosphäre erinnerte eher an ein massenpicknick als an die öffentliche präsentation eines kunstwerkes. mehrere hundert kölnerinnen und kölner waren am samstag nach-mittag zur südbrücke auf die poller wiesen gekommen, um einen neuen blickwinkel auf die altstadt zu genießen... zur Eröffnung brandete applaus auf, besucher gratulierten den Künstlern... nach wochenlanger knüpf- und aufhängarbeit sah das kunstwerk am freitag perfekt aus. am samstag, dem tag der präsentation, hatte starker wind mehr als ein drittel des teppichs schon wieder weggefegt...

 

die südbrücke, das stadtpanorama und die brillengläser
trude armbrüster und joachim römer verwirklichen im september 2002 ein spannendes kunst-installations-projekt an der kölner südbrücke.
besucher und anwohner werden von ihnen zum "sehtest" eingeladen. ein vorhang aus zehntausenden von kunststoffbrillengläsern, aufgehangen an angelschnüren, soll den betrachter zum nachdenken und zur reflexion über das kölner stadtpanorama bewegen. diese von ihnen ganz bewusst ausgewählte sequenz des millionenfach reproduzierten altstadtensembles ist durch die installation ständigen veränderungen ausgesetzt. es ist kein stiller oder ruhiger blick, den man auf köln bekommt. der wind und auch die schweren güterzüge, die über die brücke rattern, sie halten dieses köln-bild in ständiger bewegung und kurzfristiger vibration. auch wird das september-licht diesen in sich geschlossenen vorhang und das motiv beleuchten und für immer neue farbliche zu-sammenhänge sorgen. durch diesen künstlerischen eingriff und mit dieser kunstaktion an einer der wichtigen brücken von köln gelingt den beiden künstlern eine interessante störung des traditionellen blicks. er zerbricht durch die gläser und setzt sich neu zu-sammen.
dabei haben sie die architektur der brücke in ihre arbeit einbezogen und lenken damit auch den blick auf das bauwerk selbst, das im april 1910 als eisenbahnbrücke eröffnet wurde. schon beim bau kam es 1908 zu einem schweren unglück, als das montagege-rüst einstürzte und tote und verletzte zu beklagen waren. auch während des zweiten weltkriegs blieb die südbrücke nicht verschont. am 6. januar 1945 wurde sie bei einem bombenangriff zerstört. insofern bietet dieses projekt von armbrüster/römer vielfältige ansätze, um über unsere stadt am rhein nachzudenken.
michael euler-schmidt, kölnisches stadtmuseum
(aus dem begleitheft zu unterblicken)

dr. louis peters, rede zur eröffnung von unterblicken,
7.9.2002
feste muss man feiern wie sie fallen und so wollen wir heute feste feiern. nach altem abendländischem brauch beginnt der nächste tag am vorabend, d.h. wir feiern heute abend den gründungstag der stadt köln, der seit 1000 jahren am 8. september be-gangen wird, also am fest mariä geburt. denn köln galt immer als so alt und so schön wie maria, von der es im hohen lied heißt, dass sie "herabschaut wie morgenrot, schön ist wie der mond und rein wie die sonne."
der marienname leitet sich von mar ab, also vom meer. so ist maria die beschützerin der schiffer, angler und aller fluß-anrainer. sie ist stella maris und stilla maris, also meeresstern und meerestropfen. so sehen wir 70000 brillengläser wie 70000 meeres-tropfen vor uns und blicken auf den kölner dom, der maria geweiht ist. maria wurde mit der perle in einer muschel verglichen und gemalt; eine perle sei rein und unver-gänglich und glänzend und weiß. da trifft es sich gut, dass trude armbrüster und joa-chim römer zunächst überlegt hatten, perlenschnüre von der südbrücke herunterhängen zu lassen. diese natürlichen meeresfrüchte, die das licht reflektieren, hätten das stadt-panorama kostbar und funkelnd präsentiert und geschmückt.
tatsächlich haben sich die beiden kölner künstler dann für einen vorhängeteppich aus brillengläsern entschieden und knüpfen damit an eine alte künstlerische tradition an: das wort brille leitet sich von dem halbedelstein beryll ab, der wegen seiner meer-grünen farbe auch aquamarin genannt wird. als es vor 1000 jahren darum ging, das heilige sichtbar zu machen und damit eine neue sehkultur einzuführen, verwendeten
die künstler den geschliffenen, durchsichtigen beryll als material für reliquien-behälter, um deren inhalt einsehbar zu machen.
das dünnste haar und der kleinste knochenpartikel konnten so von den staunenden menschen wahrgenommen werden. so wurde der beryll das zeige-material schlechthin. er offenbarte die geheimnisse in kult und leben. die menschen rissen die augen auf, wenn ihnen in kostbaren zeigebehältern der leib christi vorgestellt wurde. ohne beryll keine monstranz, und ohne monstranz keine «mostra», auf deutsch ausstellung, also ein ort, wo etwas gezeigt wird, wo kunst gezeigt wird.
beryll macht also sichtbar und führte durch beobachtung seiner optischen wirkung um 1300 zur verwendung der nach ihm genannten brille. jetzt konnte man beser sehen, welt besser erkennen, dinge schärfer ansehen. beryll war durchsichtig wie eis (grie-chisch: kristall) und man glaubt zunächst, beryll sei erhärtetes eis. beryll diente als brennspiegel zum entzünden von zunder und zum hervorrufen des osterfeuers.
was könnten wir also alles mit den 70000 gläsern machen. denken wir an archimedes, der im zweiten punischen krieg (218-201 v.chr.) seine heimatstadt syracus vor den römern gerettet haben soll, indem er mit spiegelglas die sonnenstrahlen bündelte und so die flotte der angreifer in brand steckte. so könnten wir mit hilfe unseres 150 m breiten glas-vorhangs vielleicht die billigflugzeuge vom himmel schießen und damit unsere umwelt, die rheinaue, die poller wiesen und ihre anwohner vor weiterer licht- und luftverschmutzung retten.
als vorhangleiste dient unseren künstlern die südbrücke, also ein aus eisen in form gebrachtes kunstwerk, dass uns an den ursprung der welt erinnern kann, wenn wir z.b. an das brücken-gleichnis von ivo andric denken, dessen text wie folgt lautet:
als allah der allmächtige, seine name sei gelobt, diese welt geschaffen hatte, da war die erde eben und glatt wie die schönste gravierte platte. das ärgerte den teufel, der den menschen dieses gottesgeschenk neidete. und solange die erde noch so war, wie sie aus gottes händen hervorgegangen, feucht und weich wie ein ungebranntes gefäß, da schlich er sich hinzu und zerkratzte mit seinen nägeln das gesicht von gottes erde, soviel und so tief er konnte. so sind, wie die geschichte erzählt, die tiefen flüsse und abgründe entstanden, die eine gegend von der anderen trennen und die menschen voneinander absondern und sie hindern, auf der erde zu reisen, die ihnen gott als garten zu ihrer ernährung und erhaltung gegeben hat. allah tat es leid, als er sah, was dieser verfluchte getan, aber da er nicht von neuem an die arbeit gehen konnte, die der teufel mit seiner hand verunreinigt hatte, da schickte er seine engel aus, daß sie den menschen hülfen und es ihnen leichter machten. als die engel sahen, wie die armen menschen
diese abgründe und tiefen nicht überschreiten und ihren geschäften nachgehen konnten, sondern sich quälten und vergeblich einander von einem ufer zum andern anschauten und sich zuriefen, da breiteten sie an diesen stellen ihre flügel aus, und die leute be-gannen, über diese flügel hinwegzugehen. so lernten die menschen von den engeln gottes, wie man brücken baut.
wie man brücken baut, haben die kölner schon früh gelernt. so gab es hier bereits 310 eine brücke über den rhein, zwischen heumarkt und deutz. diese erste feste brücke über den rhein bestand nur 100 jahre. 900 jahre lang waren dann die beiden kölner ufer nicht mehr miteinander verbunden, bis dann die preußen 1822 an derselben stelle eine schiffsbrücke bauten. als 1910 die südbrücke eingeweiht wurde, war es neben der deutzer schiffsbrücke, der mülheimer schiffsbrücke und der zweispurigen dombrücke
die vierte brücke, die nur reine güterverkehrsbrücke der reichsbahn sein sollte. die stadt köln wollte aber auch personenverkehr und finanzierte daher die beiden gehsteige entlang der brücke und hat folglich auch noch heute die entsprechende unterhaltsver-pflichtung.
die südbrücke ist 536 m lang, davon 368 m strombrücke. sie gliedert sich in vier auf-einander-folgende unterschiedliche konstruktionsformen. linksrheinisch führen zunächst zwei gemauerte steinbögen aus rotem pfälzischem sandstein über die rheinuferstraße. dann folgen drei den strom überspannende fachwerkbögen in einer durchgehenden kon-struktion mit untenliegender gleisstrecke. danach überbrücken drei vorflutbögen die poller wiesen, jedoch mit obenliegender fahrbahn. als rechtsrheinischer abschluss folgt wieder ein gemauerter brückenbogen.
architekt der brücke war fritz beermann, architekt der bauten war franz heinrich schwechten, der z.b. auch die bauten an der 1911 eingeweihten hohenzollernbrücke verantwortet sowie den bau der berliner kaiser-wilhelm-gedächtniskirche. 1945 wurde die brücke durch bomben zerstört. bei dem wiederaufbau wurden die schönen und charakteristischen spitzen der türme sowie die portale nicht wieder instandgesetzt. die pläne für die wiedervollendung liegen seit jahrzehnten in der schublade. wir alle fordern heute, dass der rat der stadt köln endlich wieder an die südbrücke denkt und dieses wunderbare, aber völlig herunter-gekommene meisterwerk auf seine prioritätenliste setzt.
während die mülheimer keinen blick auf den dom haben wollen, haben die poller immer den schönsten blick auf den dom genossen. dies war auch der grund für armbrüster und römer, hier ihre aktion zu zeigen. nirgendwo anders ist der luftschleier vor der stadt so klar zu sehen, wie vor unserer buhne, auf der wir gerade stehen. der glasvorhang eröffnet einen neuen anderen blick, ist also kunst und verfremdet unser bisheriges sehen. wie die gläser vom wasserspiegel zurückgeworfen werden und wie sich andererseits die wellen in den gläsern spiegeln, lässt betrachtung zur freude werden.
wenn wir später nahe an ein einzelglas herangehen, dann können wir im einzelfall den dom auf dem kopf stehen sehen. wir sehen dann wie ein säugling, für den die welt ja immer auf dem kopf steht. erst die tasterfahrung lehrt das hirn langsam die bilder um-zudenken. die objekte unserer umwelt werden also oben-unten und links-rechts ver-kehrt in zwei verschiedenen augenbildern registriert.
von jedem dieser bilder wird die linke hälfte in die rechte und die rechte hälfte in die linke sehrinde im hinterhirn weitergemeldet, in dem die lichtrezeptoren die bildmeldung in eine sprache umwandeln, die das hirn lesen kann, nämlich in elektrische impulse. dass wir uns aus diesen zusammengestückelten und kodifizierten zerrbildern trotzdem ein brauchbares bild unserer umwelt machen können, ist ein abenteuerlicher vorgang.
dass tatsächlich jedes auge sein eigenes bild sieht, lässt sich in wenigen minuten beim umtrunk nachprüfen: je mehr man nämlich über den durst trinkt, um so stärker werden die konvergenzmuskeln der augen gelähmt. dies bewirkt das doppeltsehen im rausch.
so wird die brillenglas-installation von armbrüster und römer zur fata morgana. wir erleben ein feenhaftes spiel. die lichtstrahlen, die mit einer korrekten meldung das glasobjekt verlassen, werden auf dem wege zu unserem auge immer in irgendeiner form gestört. die folge ist, dass die nachricht an «objektivität» verliert, bevor sie unser auge erreicht.
es gilt also immer der satz: «ich sehe was, was du nicht siehst!» pflegen wir also unsere illusionen. im geiste steht friedrich nietzsche, der nie in poll war, bei uns und wir hören seinen satz: sich von den dingen entfernen, bis man vieles von ihnen nicht mehr sieht und vieles hinzusehn muß, um sie noch zu sehen - oder die dinge um die ecke und wie in einem ausschnitte sehen - oder sie so stellen, daß sie sich teilweise verstellen und nur perspektivische durchblicke gestatten - oder sie durch gefärbtes glas oder im lichte der abendröte anschauen - oder ihnen eine oberfläche und haut geben, welche keine volle transparenz hat: das alles sollen wir den künstlern ablernen und im übrigen weiser sein als sie.
ob uns dies gelingt, wird der weitere verlauf des abends zeigen. die freiluftausstellung armbrüster-römer ist eröffnet.
dr. winfried gellner, referent kulturamt der stadt köln,
rede zur finissage von unterblicken, 26.09.2002

meine sehr geehrten damen und herren,
an diesem stürmischen nachmittag begrüße ich sie herzlich zur finissage des kunst-projekts «unterblicken» von trude armbrüster und joachim römer. für mich handelt es sich um eine der interessantesten, originellsten und künstlerisch besten installationen, die ich seit langem gesehen habe. trotz der größe der installation und der masse des verarbeiteten materials ist ein sehr graziles kunstwerk entstanden, das leider aber auch sehr fragil ist. daher muss die präsentation früher als geplant beendet werden, bevor die elemente das kunstwerk völlig zerstört haben. dabei ist anzumerken, dass die installation auch im fragmentarischen zustand noch äußerst reizvoll erscheint.
nach der, wie man mir berichtete, eindrucksvollen eröffnungsrede von dr. louis f. peters wurde ich um ein schlusswort gebeten, das sich noch einmal mit dem kunstwerk selbst auseinandersetzen möchte. man kann sich dieser installation auf drei weisen annähern:
1. über das material – die brillengläser
2. über den ort – die südbrücke, den rhein und das stadtpanorama
3. über die künstler, die die arbeit konzipiert und realisiert haben.

1. die künstler
trude armbrüster, jahrgang 1920, hat modedesign studiert. seit sie in frührente ge-gangen ist, arbeitet sie im bereich der freien kunst: malerei, collage, material-sammlung. joachim römer, jahrgang 1957, benutzt für seine künstlerischen arbeiten (collagen, skulpturen und installationen) vor allem vorgefundene materialien (rhein-schwemmgut, straßenmüll u.a.). die beiden künstler stammen aus verschiedenen generationen. nicht nur ihr werdegang, sondern auch ihre arbeit sind unterschiedlich. beiden gemeinsam ist jedoch ein großes materialbewusstsein. anlässlich einer aus-stellung mit kleinskulpturen von joachim römer haben sie sich zufällig vor einigen jahren auf dem campingplatz in poll (mit blick auf die südbrücke) kennengelernt.

2. das material
schon bald entstand der plan einer gemeinsamen arbeit. ausgangspunkt war die glas-perlen-sammlung von frau armbrüster, die sich nach den vorstellungen von herrn römer sehr schön zu einem vorhang verarbeiten ließe. da frau armbrüster ihre perlen zu diesem zweck nicht hergeben wollte, entstand die idee eines vorhangs aus brillen-gläsern. brillengläser dienen zunächst einmal der stärkung der sehkraft. je nach seh-stärke vergrößern oder verkleinern sie. wenn jedoch jemand mit normaler sehkraft durchblickt, verändern und verzerren die gläser die sicht. was dem kranken auge nützt, schadet dem gesunden. in jedem fall nehmen die brillengläser eine korrektur vor, die – abhängig von der sehkraft des durchblickenden – positiv oder negativ ausfallen kann.

3. der ort
das stadtpanorama von köln mit rhein, dom, der kirche groß st. martin und der altstadt ist sehr berühmt und millionenfach abgebildet. der blick auf köln muss vom rechts-rheinischen Ufer erfolgen. wenn dies durch einen vorhang von brillengläsern, wie von den künstlern konzipiert, geschehen soll, muss ein geeigneter materialträger gefunden werden. die künstler wählten sich dazu die südbrücke, die zwischen 1906 und 1910 er-baut wurde und eine der ersten fachwerkbogenbrücken am rhein ist. bei diesem brückentyp, zu dem auch die hohenzollernbrücke gehört, werden große weiten durch mehrere brückenbögen überspannt. wer sich über die rein technischen daten intensiver mit der südbrücke auseinandersetzen will, dem sei das kapitel "die kölner brücken und der rhein" aus dem buch "pan und die engel" von dieter wellershoff empfohlen. ein-gehend beschreibt wellershoff darin die reize der südbrücke, die er zu seiner lieblings-brücke erklärt.

4. die installation
trude armbrüster und joachim römer haben einen brillengläservorhang mit einer größe von 156m x 15m aus ca. 70000 brillengläsern aller variationen erstellt. die brillengläser wurden durchbohrt und an angelschnüren mit einer gesamtlänge von ca. 20 km aufge-zogen. es entstand dadurch eine wind- und vibrationsbewegte reflexions- und verzerr-fläche von knapp 2400 m2. dem betrachter, der südlich hinter dem vorhang steht, ent-steht eine neue und eigene sicht auf das berühmte, zuweilen schon zum klischee er-starrte kölner rheinpanorama. durch den wind und das dadurch bewirkte zusammen-stoßen der brillengläser entsteht außerdem ein eigener klangteppich aus wohlklingenden tönen. der besucher sieht und hört und wird zum reflektieren aufgefordert. der ge-wohnte, traditionelle blick auf das kölner stadtpanorama wird gestört und neu zu-sammengesetzt. darüber hinaus gibt es aber auch noch eine andere durch die instal-lation hervorgerufene wirkung. die südbrücke ist ein monumentales industriebauwerk. brillengläser sind industrielle massenware. beide werden in der installation zusammen-gebracht und durch die daraus realisierenden brechungen, spiegelungen und farbspiele des lichts entsteht ein kunstwerk von großer poesie.
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