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texte · text / unterblicken II · underviewing II

impressionen von der eröffnung von "unterblicken II", oben links: gerd-kurt schwieren, obermeister der augenoptikerinnung köln · opening impressions
oben rechts und unten links: graham maule und egon zähringer bei ihrer eröffnungsperformance (alle fotos: daniel lohmann)

kölner stadtanzeiger, 19. september 2003
verschlungene wege zur einsicht
im bauch der deutzer brücke wartet eine ungewohnte sinneserfahrung
nach der schau ins weite durch tausende funkelnde brillengläser lädt joachim römer gäste zum labyrinthischen blick ins eigene innere.
ein leichter anflug von orientierungslosigkeit ist durchaus gewollt auf dem weg zur kunst. 250 meter weit führt der weg von der markmannsgasse ins innere der deutzer brücke, durch nackten beton und ein befremdliches geräuschgewirr. leicht aufwärts geht`s bis hin zum scheitelpunkt der brücke, wo joachim römer seine installation «unterblickenII» zeigt...
im brückenbauch, abgeschieden von gewohnten sinnesreizen des grossstadtlebens, sollen besucher in einem labyrinth aus den verworrenen resten des gläsernen vorhangs zu sich selbst finden...
umgeben vom dunkel, geführt vom licht einer video-projektion aus bildern des gläsernen vorhangs vom vorjahr, begleitet vom rumpeln der bahnen und autos auf den fahrbahn über sich und dem wummern der schiffsmotoren unter sich können gäste die labyrinth-erfahrung von sonntag, 21. september 11 uhr an erleben...

kölnische rundschau, 22. september 2003
brillen in der brücke
installation "unterblickenII" von joachim römer
gedanken an mythologische unterwelten, zyklische erneuerungen und auch das ungewöhnliche gefühl, sich über dem rhein unter den fahrenden autos und zwischen den rheinufern zu befinden, kommen dem besucher beim gang durch joachim römers kunstinstallation «unterblickenII» im inneren der deutzer brücke in den sinn. und das glitzern am ende des dunklen tunnels übt eine magische anziehungskraft aus. dass es sich dabei um die überreste des vorhangs aus 70000 brillengläsern handelt, den römer 2002 zusammen mit der künstlerin trude armbrüster an der südbrücke installierte, erkennt man erst, wenn man den 64 quadratmeter grossen, fast dunklen raum in der mitte der brücke betritt. senkrecht hängende stränge mit den bunten kunststoffscheiben bilden die form eines labyrinths und werden von videobildern beleuchtet...
   

sei bereit zu sehen
die deutzer brücke. einige jahre habe ich in ihrer nähe gewohnt, unzählige male habe ich sie überquert - zu fuß, per fahrrad, per auto oder straßenbahn. ein vertrautes bild bietet sie mir, die ich nach längerer abwesenheit wie eine alte freundin grüße. ich kenne ihre tücken: der wind bläst hier stärker, die brückenwölbung ist schroffer als vermutet. und ich weiß um ihre geschichte: von der ersten, römischen brücke, die kaiser konstantin hier bauen ließ, von der ‚deutzer fahr‘ – der fliegenden brücke – die lange zeit die beiden ufer verband, von der kettenhängebrücke, die 1945 zerstört worden war, vom neubau 1947-48 und von der verbreiterung der heutigen brücke durch einen brückenzwilling. aber niemals rechnete ich damit, dass mich diese alte bekannte einmal so überraschte.
der hohlkasten
überblickt man die deutzer brücke vom einen oder anderen ufer, so erscheint sie als massiver baukörper, der sich mit leichtem schwung über dem rhein erhebt und auf dem sich der straßenverkehr in vielerlei gestalt tummelt. das theoretische wissen um die konstruktion – den hohlkasten in der balkenkonstruktion und dem spannbeton-zwilling – nimmt man als technische notwendigkeit hin.
ich unterblicke die deutzer brücke: nur an der kleinen tür schummert elektrisches licht, vor mir breitet sich kühle schwärze aus. die füße spüren geradeaus, die augen spähen ins nichts – nur ab und zu ein schwaches leuchten einer winzigen öffnung im brücken-körper. ein riesiger unbestimmter tunnel zieht in ansteigenden wellen in die tiefe. vom gesichtssinn verlassen konzentriere ich mich auf das hören. zischen, poltern, rollen und rumpeln verbinden sich zu einem eigentümlichen rhythmus, dessen struktur mir jedoch verborgen bleibt. wind durchzieht den hohlraum – der atem einer brücke. artig ver-meldet die ratio die gründe für diese sinneseindrücke, die aura des ortes aber bleibt.
unterblickenII
genau diesen ort, den bauch der deutzer brücke, wählt joachim römer für seine installation "unterblickenII". im letzten jahr liess er zusammen mit trude armbrüster die gleichermaßen ätherische wie monumentale installation "unterblicken" an der kölner südbrücke entstehen und bot damit eine art sehhilfe an. eine sehhilfe im doppelten sinne: zum einen bestand der unter der eisenbahnbrücke hängende vorhang de facto aus kunststoff-brillengläsern, zum anderen bewirkte die installation eine veränderte seh-weise, quasi eine re-ästhetisierung des bekannten stadtpanoramas.
mit unterblickenII setzt joachim römer nun die strategie der wahrnehmungsveränderung fort: er lockt den besucher in das geheimnisvolle dunkel des hohlkörpers der deutzer brücke. markiert durch ein rotes geflochtenes seil – faden der ariadne – führt der weg in die schwarze tiefe eines trichters, dessen öffnung in das herzstück der installation mündet: einem labyrinth aus eben dem gewirr an schnüren und gläsern, das wind und wetter vom fragilen brillenglas-vorhang übrig gelassen hat.
umkehr
ich denke an einen wunderbaren roman von lawrence norfolk: lemprière‘s wörterbuch. im anfangskapitel beschreibt norfolk, wie der stark fehlsichtige john lemprière durch den glasmacher und linsenschleifer ichnabod bonamy zum ersten mal augengläser angepasst bekommt: "für lemprière wurde die welt von den linsen nicht so sehr zu-sammengefügt als vielmehr unaufhörlich zerstreut. so schnell sich seine augen der neuen welt anpassten, die das eine paar ankündigte, ward es von einem anderen ersetzt, das seine ansprüche herausposaunte, nur um seinerseits erneut verbannt zu werden. er bekundete seine billigung oder missbilligung durch ein besser oder schlech-ter, wie es jedem fall zukam. ichnabod hielt inne, nachdem vielleicht zwei dutzend paare ausprobiert waren. er blickte auf das tablett hinab, murmelte vor sich hin und schien einige knappe berechnungen anzustellen. 'john lemprière', verkündete er in ge-bieterischen tönen, 'sei bereit zu sehen.'“
der segen der optik ist für den helden des romans, lemprière, zunächst überhaupt kein segen, sondern ein massiver und erschreckender eingriff in seine persönliche ordnung der welt. menschen, dinge, gebäude teilten sich ihm bis zu diesem zeitpunkt mehr durch eine ahnung mit, durch geräusche, gerüche, schemen. die linsen zersplittern nun die wohlige wolke der unschärfe mit harten, scharfen und schnellen bildern.
zurück in die brücke: der künstler als "umgekehrter" ichnabod. der vielzitierten medialen reizüberflutung zum trotz, entgegen der schnelligkeit und flüchtigkeit der großstadt, leitet joachim römer den besucher in eine spärlich belichtete sphäre der langsamkeit. langsam gewöhnen sich die augen an die veränderte lichtsituation, langsam identifizieren die ohren unterschiedliche geräuschquellen, langsam gestaltet sich das vorwärtskommen durch die läufe des labyrinths.
das labyrinth
als uraltes symbol findet sich das labyrinth in unterschiedlichen kulturen. eines der berühmtesten und ältesten labyrinthe unseres kulturkreises mag das sagenhafte labyrinth des daidalos im palast des könig midas auf kreta sein. jenes labyrinth, in dem theseus den schrecklichen minotauros erlegte, und aus dem der attische held nur mit hilfe des garnknäuels der ariadne entkam. tatsächlich? ein labyrinth ist kein irr-garten, in dem der orientierungssinn durch wegekreuzungen und sackgassen getäuscht wird. ein labyrinth besteht nur aus einem weg, der in vielen windungen und wendungen zu einem zentrum führt. der weg hinaus ist demnach identisch. hätte also theseus den faden der ariadne gar nicht benötigt? das menschenverschlingende ungeheuer im zentrum des minoischen labyrinths verweist auf den abstieg in die unterwelt, die ohne hilfe schwerlich wieder verlassen werden kann. das garnknäuel wird hier zum symbol des lebensfadens.
anders als in der mythologie führt in der brückeninstallation der ariadnefaden – das rote seil – den besucher nicht aus dem labyrinth hinaus, sondern zunächst einmal hin-ein. er fungiert als hinweis, markierung, positiver leitfaden. dem leitfaden folgend überwindet man den anstieg zum scheitelpunkt der brücke, hinein in den dunklen raum des labyrinths. hier erwartet einen aber mitnichten ein ungeheuer, sondern überra-schenderweise ein blick in den spiegel: das gewirr der brillengläser wirft in dreißig-tausendfachen facetten das eigene spiegelbild zurück. das bild vom eigenen selbst begleitet einen ins zentrum der installation und verdeutlicht eine weitere symbolbe-deutung der sich ewig windenden spirale des labyrinths: den weg zum eigenen selbst. vorwärts streben, innehalten, richtung ändern, die mitte finden, umkehr. der lauf des lebens. dem zyklischen gedanken entsprechend belichten videoaufnahmen die szenerie – in endlos-schleife geschaltet knüpfen hände die brillengläser an die schnüre.
gegenrede
ein labyrinth als weg zum ich? diesen gedanken verfolgte doch bereits friedrich dürren-matt sowohl literarisch und als auch zeichnerisch. ich erinnere nur an die ballade "minotaurus" aus dem jahr 1985, in dem sich dürrenmatt das untier ebenfalls in einem spiegellabyrinth vorstellte. dürrenmatt allerdings dachte sich das labyrinth als "urbild für die totale ausweglosigkeit", also als ein symbol für eine völlig undurchschaubare und damit hoffnungslose welt.
fazit
das spiegellabyrinth von joachim römer beherbergt keinen minotaurus. vielmehr dient "unterblickenII" als ästhetisches ordnungssystem, in dem hören, spüren, sehen und denken zusammengeführt werden. darum möchte ich die aufforderung, die john lemprière von ichnabod erhält, an die besucher der installation, an die besucher des auratischen ortes in der deutzer brücke weitergeben:
"sei bereit zu sehen."
dr. romana rebbelmund, kunsthistorikerin

 

kölnische rundschau, 23.4.2005
serie kölner brücken – heute: kunst
über kunst und knatsch
kölner brücken waren auch schauplatz diverser happenings

von susanne happe
kölns brücken sind, jede für sich, imposante kunstwerke. kein wunder also, dass sie im laufe der zeit auch viele künstler inspiriert haben...
einzig und allein die stadt köln stand im focus einer riesigen installation an der südbrücke. die rentnerin trude armbrüster und künstler joachim römer realisierten das spektakel 2002. 70000 kunststoffbrillengläser bildeten einen 156 meter breiten und 15 meter hohen vorhang, den die initiatoren von der südbrücke über den poller wiesen flattern ließen. zwei wochen hatten die kölner so einen ungewöhnlichen blick auf ich rheinpanorama, begleitet von einer wunderbaren musik, wenn der wind die tausende gläser gegeneinander schlagen ließ. „unterblicken“ nannten armbrüster und römer ihre aktion, die sie mit 30000 brillengläsern ein jahr später in form eines labyrinths unter dem titel „unterblicken II“ im bauch der deutzer brücke wiederholten...
erst kürzlich waren unter dem titel „dudelsack“ installationen von künstlern aus köln und edinburgh im bauch der deutzer brücke zu sehen. mitorganisator war auch hier der künstler joachim römer.

auszüge aus dem gästebuch
(auf die nennung der namen wurde verzichtet)

nach den beeindruckenden durckblicken an der südbrücke ist dies wieder ein inspirierendes labyrinth – ich bin froh, dass die brillengläser immer wieder neue ein-blicke hervorrufen

ich dachte ich kenne die brücke, ich bin sehr, sehr beeindruckt und überrascht.

ein grosses sinnliches erlebnis, welches die seele brührt. ich komme noch einmal zurück.

unterblickeII ist eine fortsetzung und etwas neues zugleich. im innenleben der deutzer brücke wurde ein märchenhafter raum geschaffen, der die sinne anspricht und viele assoziationen weckt.

die sinne neu „bespielen“

super erlebnis, abenteuerlich, unheimlich und befreiend – durch unser schreien!

ein wenig unheimlich, so viele geräusche in der dunkelheit, lange auf ein kleines licht zugehen, nur den roten (?) faden unter den füssen spüren und dann: ganz verzaubert bricht sich das licht zu kristallen. was für ein gefühl, im zentrum des glitzerns zu stehen!

ein wundervoller ort, der durch die installation zum fantastischen erlebnis wird. wo sind die orks?

wie wirkt diese installation wohl in anderen räumen, über wasser... auf der wiese... am strand... in einer höhle?

im innern des kristall-leuchters

es war schön wie die kinder der leitlinie zu folgen und zu entdecken, zu forschen, ein ziel zu finden!

die ganze installation für alle sinne, ein bewegendes erlebnis.

jedes wort ein wort zu viel

beeindruckend – man grübelt wer sich solch eine arbeit macht und wofür man solche gläser braucht (?) – (aussage der kinder!)

geisterstunde in der brücke – mit musik & gesang

nächtliche tabernakelbegehung

etwas für die seele

o.k. die ganze anlage in meinem garten (inclusive beleuchtung)! mitten drin ein stühlchen und ein packen bücher. mehr nicht! es war traumhaft!

wir hatten gar keine angst,
wir hatten den roten faden
und uns
und unsere fantasie
und eure fantasie.
wir hätten jede aufgabe gelöst!

es war gruselig

wenn alle schwiegen, war`s im labyrinth am schönsten

die dunkelheit, das blitzen der gläser, die dröhenden strassenbahnen, das gluckern des regens; geheimnisvoll

ich habe mich gefühlt wie die prinzessin im schloss der 1000 gläser, die auf ihren prinzen wartet. ich habe durch die geheimnisvoll schimmernden gläser geschaut – aber er kam nicht. und trotzdem war es wunderschön.

habe mich gewundert

ich gehe einen engen weg, für einen langen moment sehe ich „nur“ das werk...

wir waren sehr lange in der brücke, haben geredet und geträumt...
„der traum zerlegt die wirklichkeit wie ein prisma das licht...“ (max frisch)

eine superidee. das sind intensive eindrücke. weiter so, solche kunstprojekte brauchen wir.

enttäuschend. es fehlt mir an originellem licht. dabei war die idee gut, das ambiente auch.

ein glanzvoll-gläsernes erlebnis

wunderbar – ein besonderer eindruck für alle 8 sinne.

für blinde war zu hören, für taube gabs was zu sehen

zu später stund gingen wir in den schlund der brücke – warn eingenommen von der kunst, filigran, glitzernd, rund und klangvoll

wir sind spät doch nicht zu, alleine in der brücke – hohlraum – es war für uns entzückend, klang, gang, kristalle klar + apollo, nah und fern, blicke, roter faden. zurück, zurück.

prima, besonders der rote faden

die krasseste idee, die ich seit langem gesehen habe!

märchenwald

supergeil. leider habe ich mein skateboard vergessen.

man sieht sehr weit...

märchentor, das sich ins labyrinth öffnet

wie eine kleine meerjungfrau zwischen fluss und luft geschwommen, die schuppen haben geglänzt und die wellen haben an die muscheln geschlagen. und das alles in der deutzer brücke.

bild- und klangraum gehen über in eigenen traum. meditativ, stimmt.

anhang:
die wunderbare metamorphose des in den stürmischen poller wiesen abgestürzten "brillenglasvorhangs für eisenbahnbrücken" ist dir gelungen. in der betonunterwelt der deutzer brücke verwandelt er sich in ein geheimnisvoll glitzerndes, die seele berühren-des labyrinth, in das man immer wieder zurück kommen möchte.
trude armbrüster (mit der gemeinsam ich das projekt unterblicken an der kölner südbrücke 2002 durchführte)
was für ein erlebnis nach der dramatik von unterblicken, wo die gläser dem spiel der natur ausgesetzt waren, ist der vorhang nun im schoss der erde angekommen. hier entwickelt er ganz ungeahnte qualitäten, repräsentiert eine ganz andere märchenwelt oder einen kosmos. schön zu sehen, dass der weg des vorhangs weitergeht.
till armbrüster (techniker bei unterblicken)

   
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