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texte · text / ans eingemachte

 
kölner wochenspiegel, 1.9.2004
einmachgläser gesucht: für die kalker kunst-route
anfang oktober werden vier künstler ihre projekte in die tat umsetzen
kalk – anfang oktober wird die kalker kunst-route 2004 eröffnet. zwei kölner künstler sowie eine kölner und eine schottische künstlerin werden sich dann mit ihren kunst-installationen sehr unterschiedlich mit dem stadtteil und den umstrukturierungen, denen er unterworfen ist, auseinander setzen...
joachim römer wird schließlich eine installation aus einmachgläsern errichten. dafür sucht der künstler noch jede menge alte ein-liter-einmachgläser. wer solche gläser im keller hat und sie nicht mehr braucht, ruft bitte unter telefon 0221/838658 an. der künstler kommt vorbei und holt die gläser ab.
kölner stadtanzeiger, 30.11.2004
dinge zum einmachen gesucht
erinnerungsstücke, bilder oder gar karnevalskostüme will der kölner künstler joachim römer in gläsern haltbar machen.
kalk – gegenstände von kalker bürgern sucht der kölner künstler joachim römer für seine arbeit „ans eingemachte“. der titel ist wörtlich zu verstehen: alle dinge, die bei den kalkern assoziationen mit „eingemachtem“ wecken und die in ein ein-liter-ein-machglas passen, sind dem künstler willkommen. er denkt dabei an fotos, zeitungsaus-schnitte, karnevalskostüme oder – ganz klassisch, marmelade. als teil der ausstellung „kunst route kalk“ vom 6. dezember bis 8. januar will römer die einmachgläser vor der kalker kapelle präsentieren.
drei weitere künstler zeigen ihre werke während der ausstellung, die zum kalkpro-gramm gehört: elizabeth ogilvie hat eine wasserinstallation gefertigt, marietta schwarz dokumentiert mit großformatigen fotos den bau der köln-arcaden und stellt historische fotos des geländes gegenüber, günter vossiek malt portaits von kalker bürgern auf die fensterscheiben der museumshalle kalk.
wer "eingemachtes" für joachim römer hat, kann dies noch bis zum mittwoch, 1. de-zember, in der bäckerei heesterbrink, kalker hauptstraße 102, abgeben. infos unter der rufnummer 838658.
kölner stadtanzeiger, 7.12.2004
wo topflappen von sehnsüchten erzählen
anregungen zur künstlerischen auseinanderstezung mit dem stadtteil bot die kunstroute kalk
von jürgen kisters
kalk – mehr als 100 jahre lang war der rechtsrheinische kern aus kalk, deutz und mül-heim ein industrielles zentrum von pulsierender aktivität. seit mehr als 20 jahren voll-zieht sich dort ein rasanter strukturwandel, der allein in kalk mit dem verlust von 13000 arbeitsplätzen einhergeht. so ist mit der schließung der letzten großen fabrika-tionshallen in diesem stadtteil, der einst um die gewaltige chemische fabrik kalk her-um entstand, zugleich ein identitätswechsel verbunden, der derzeit in kalk in vollem gang ist.
„kalkprogramm“ heißt ein vom ministerium für städtebau, wohnen, kultur und sport nrw finanziertes umfangreiches förderkonzept, das diesen prozess seit einigen jahren begleitet. und in diesem rahmen wurde in zusammenarbeit mit dem kulturamt der stadt jetzt eine temporäre kunstroute entwickelt, auf der sich vier künstler bis zum 8. januar 2005 an vier prägnanten standorten mit der kalker geschichte und gegenwart beschäftigen...
wie wichtig ist die bewahrung der geschichte für die zukünftige (neu)orientierung eines stadtteils? joachim römer geht darauf in einer wunderbaren installation an der kalker kapelle ein. in einem regal aus vielen einmachgläsern hat der künstler, der selbst in kalk wohnt, erinnerungsgegenstände und wunschzettel seiner mitbürger gesammelt. mitten im straßengeschehen erzählen topflappen, wollknäuel, reste von ziegelsteinen, alte socken, fotos, getrocknete blumen, porzellanschweinchen, ein seltsamer kugel-fisch, kinderpuppen und bucheckern von erinnerungen, ängsten und sehnsüchten der menschen, die im viertel leben. einfach und poetisch fordert diese künstlerische arbeit im medium der alltäglichen dinge dazu auf, sich zu vergewissern, was wichtig ist. wer selber opjekte für römers öffentliches kollektiv-archiv beisteuern will, kann diese bei der bäckerei heesterbrink (kalker hauptstraße 102) abgeben. es geht um den menschen...
auf einfühlungsvermögen und die nötige achtsamkeit für das menschliche kommt es an – die kunst drückt nur exemplarisch aus, was für jeden stadterneuerungsprozess die leitlinie sein sollte. und dass sich künstler überhaupt mit politischen und sozialen themen dieser art beschäftigen, ist inzwischen zu einer seltenheit geworden.
initiative koelnarchitektur, 9.12.2004
ein spaziergang auf der kunst-route kalk 2004
umweltverschmutzung, industriestandort, sozialer brennpunkt – köln-kalk hat nicht den besten ruf, den sich ein stadtteil wünschen könnte. umso beeindruckender der spazier-gang durch seine straßen: auf den brachliegenden industrieflächen blieb kaum ein stein auf dem anderen – wohnen, kunst, kultur und moderne technologien zogen in den letz-ten zehn jahren dort ein. der stadtteil ist im umbruch. und das spürt und sieht man. aus der verrauchten dreckschleuder ist ein lebendiger stadtteil geworden. aber mit dem fortgang der industrie und der umnutzung ehemaliger kulturdenkmäler hat kalk auch einen teil seiner identität, seines flairs verloren. as darf nicht sein, beschloss das kul-turamt der stadt köln. vier eingeladene künstler zeigen im rahmen der „kunst-route kalk“, dass die vergangenheit in den menschen aus kalk weiterlebt – und auch weiter-leben soll.
ans eingemachte … geht es bei der installation von joachim römer. wer kennt sie nicht, die einmachgläser aus omas küche. alles, was wertvoll und wichtig war, wurde für die zukunft aufbewahrt und eingemacht. abgelöst durch die tiefkühltruhe verschwand das einmachglas in der vergangenheit. der kalker künstler holte es wieder heraus und wen-det sich an die kalker bürgern: was würden sie aus ihrem stadtteil konservieren und für kommende Zeiten aufbewahren? die installation an der haltestelle kalker kapelle lässt die menschen staunen und stehen bleiben. In einer acht meter langen gläserkette prä-sentiert joachim römer erinnerungen: gartenduft aus kindertagen, muscheln, steine, photographien und worte. ein schwingendes archiv der gegenwart...

taz köln, 13.12.2004
begehbare installation zwischen abgewickelter industrie und postmoderne
kunst und kalk - das sieht nach einer wunderbaren freundschaft aus. seit es auf der schäl sick mit der sanierung richtig losgeht, beschäftigen sich immer mehr künstler mit dem kölner stadtteil; experimente ziehen eben die experimentierer an. und das neue kalk ist ein großes experiment. in kalk geht es zu wie bei professor honigtau bunsen-brenner in den muppet-laboratorien, wo die zukunft schon heute gemacht wird. wer dieser tage nach kalk fährt, landet in einem riesigen rechtsrhein-in-progress, in einer begehbaren Installation zwischen abgewickelter industrie und postmodernem techno-logiepark, kurz: in einer unfertigen kunstwelt aus dem stadt-labor. klar, dass so etwas die künstler inspiriert.
da ist es nur folgerichtig, dass zur zeit eine kunstroute durch kalk führt. thema: ein stadtteil im umbruch. gefördert durch das städtische kulturamt und das land nrw, setzt sich der parcours mit einem herben und spannenden stadtteil auseinander, einer reich-lich zerzausten urbanistischen larve, die sich gerade an allen ecken und enden ver-puppt, um irgendwann als futuristischer schmetterling aus dem baustellen-kokon zu schlüpfen.
vier stationen umfasst die Kunstprozession, alle liegen nah beieinander. an der ehe-maligen kalker post hat die künstlerin marietta schwarz einen bauzaun mit fotos be-(k)lebt: sie dokumentieren den bau der "köln-arkaden" direkt gegenüber, und sie zeigen die chemische fabrik kalk, auf deren gelände die passagenlandschaft entsteht. werk und kunstwerk gehen hier ineinander über, ansicht und reflexion vermischen sich.
mit fotos hat auch der beitrag von günter vossiek zu tun. der kölner fotografierte kal-ker bürgerinnen und bürger und übertrug ihre porträts im großformat auf die fenster der halle kalk. von industriegrauen, teils blinden oder eingeworfenen fenstern blicken gesichter herab. und signalisieren: wir wohnen hier - zwischen abbruch und aufbruch.
nebenan im kalk-karree lockert eine installation das fragwürdige gelb des foyers auf: eine art planschbecken, umgeben von leinwänden, bestrahlt von zwei scheinwerfern. wer mit einem stock die wasseroberfläche aufwühlt, kreiert wellen aus licht. "die tief-gründigkeit des wassers" nennt die schottin elizabeth ogilvie ihre arbeit, die an die bedeutung natürlicher ressourcen für fabriken wie einkaufspassagen erinnert.
an der kapelle schließlich eine wand aus einmachgläsern, aufgestellt von joachim römer. der künstler hat Kalker bürger gefragt, wo es für sie ans eingemachte geht, und darum gebeten, die gläser entsprechend zu füllen. Zu sehen sind kinderbilder, geld, ein foto von angela merkel. und ein wollknäuel, daneben ein sinnspruch für das neue kalk: "loslassen und entwickeln".
holger möhlmann



bei einer "vorübung" zur installation "ans eingemachte" gestaltete ich während der dellbrücker kunstmeile 2004 ein schaufenster mit ein-liter-einmachgläsern und sinnspruchtafeln. das kleine heft, dass ich zudiesem anlass publizierte, enthielt u.a. folgende textschnipsel:
ans eingemachte gehen
das volk ist nicht tümlich*

137 sinnsprüche, aus den wohnungen, fluren, dielen, wohnzimmern, toiletten deutschsprechender menschen, gesammelt auf flohmärkten, zusammen mit einmachgläsern zu neuer anwendung gebracht in einer kunstinstallation von joachim römer (dellbrücker kunstmeile, 2004)
*frei nach bert brecht / "dem volk aufs maul schauen ist etwas ganz anderes als dem volk nach dem mund reden.” laut brecht ist "der begriff volkstümlich selber nicht allzu volkstümlich" und "eine ganze reihe von "tümlichkeiten" müssen mit vorsicht betrach-tet werden". "wenn wir vor den unteren bestehen wollen / dürfen wir freilich nicht volkstümlich schreiben. / das volk / ist nicht tümlich". (zitate aus dem artikel "der mensch ist dem menschen ein wolf" von wolfgang mieder)

redensart: es geht ans eingemachte
erläuterung: etwas greift die substanz an; es werden die letzten reserven aufgebraucht; es geht bis zum äußersten; es wird ernst

einmachen: es gibt einige argumente, die fürs einkochen sprechen: sie wissen genau, was im glas ist, sie haben schnell etwas leckeres auf dem tisch. zudem können sie die obst- und gemüseangebote der saison besser ausnutzen, das einkochen macht außerdem spaß. schön dekorierte einmachgläser kommen als geschenk gut an. natürlich gehen beim einkochen und während der lagerung vitamine verloren, besonders das vitamin c (bis 40 prozent bei obst, bis 60 prozent bei gemüse).
oberstes gebot beim einmachen sind absolut saubere gläser und deckel. am besten in heißem spülwasser reinigen, heiß ausspülen und umgestülpt auf einem sauberen tuch trocknen lassen. die gläser und deckel dürfen nicht beschädigt sein. die einkochringe müssen elastisch sein, poröse unbedingt aussortieren. die ringe vor gebrauch in essigwasser zwei bis drei minuten lang kochen. wer hier schludert, wird nicht viel von seinen konserven haben.
das einkochgut muss einwandfrei sein. durch einkochen sollen mikroorganismen wie bakterien, hefen und schimmelpilze abgetötet bzw. in ihrer entwicklung gehemmt, der inhalt luftdicht verschlossen und damit keimfrei gehalten werden. allerdings sind sporen, die vorstufen der mikroorganismen, zum teil sehr hitzestabil. deshalb werden in der regel eiweißreiche lebensmittel wie bohnen und erbsen nach ein bis zwei tagen noch einmal eingekocht.
verschimmeltes muss weg! die gläser lagert man am besten unter 20 grad, trocken und dunkel (ohne sonneneinstrahlung). checken sie ihre bestände immer mal wieder: lose deckel, trübungen oder verfärbungen deuten auf verderb hin. solche und angeschimmelte konserven auf keinen fall mehr essen, auch konfitüren oder gelees nicht. das gesundheitsrisiko ist zu groß.
diese grundregeln sollten sie sich lieber zweimal durchlesen, bevor sie ans einmachen gehen:
1. achten sie auf peinlichste sauberkeit
2. verwenden sie nur frische, einwandfreie und gesäuberte ware
3. gläser und deckel dürfen keine noch so kleine schadstelle haben und müssen vor dem füllen mit heissem wasser und spülmittel gereinigt und anschliessend ausgespült werden
4. einkochringe ebenfalls mit spülmittel reinigen und bis zur verwendung in kaltem wasser lagern. vorher auf eventuelle risse oder brüche prüfen
5. beim einfüllen von heissem einmachgut die gläser auf ein nasses tuch stellen, um sie vor dem springen zu schützen
6. nach dem einfüllen den glasrand sauber abwischen
7. gummiring und deckel auflegen und mit drahtbügel verschliessen
8. einkochgläser auf die drahteinlage im topf stellen. die gläser sollten weder sich gegenseitig noch die topfwand berühren und mindestens zu 3/4 mit wasser bedeckt sein
9. die temperatur des wasserbades muss bei beginn des einkochens immer der temperatur des gläserinhalts entsprechen
10. einkochgut nur bis maximal 2 cm unter den glasrand einfüllen
11. die einkochzeit beginnt, wenn das thermometer die im jeweiligen rezept vorgeschriebene temperatur anzeigt. im backofen, wenn im einkochgut bläschen aufsteigen
12. sofort nach ende der einkochzeit die gläser aus dem wasser, (bzw. backofen oder drucktopf) nehmen und abkühlen lassen. nicht kalt abschrecken
13. nach dem erkalten beschriften, einkochdatum, inhalt und wenn gewünscht, rezeptnummer notieren
14. der lagerraum sollte kühl, aber frostfrei und ohne direkte sonneneinstrahlung sein
15. öffnen sie die gläser durch vorsichtigen zug an der gummilasche. sollte diese abreissen, setzen sie den bügel wieder auf und stellen sie das glas umgekehrt einige minuten in heisses, wasser

Kunstroute Kalk 2004 – Rede zur Eröffnung
von Dr. Peter V. Brinkemper
Kalk - ein Viertel im Umbruch. Mitte der 60er Jahre fuhr ich mit der Straßenbahn Linie 1 aus den noch unbebauten Feldern um Köln-Merheim bis zur Kalker Kapelle, um meinen Freund in der Franklinstraße zu besuchen. Sein Vater war Ingenieur bei Klöck-ner-Humboldt-Deutz. Die fromme Straßengabelung an der Kalker Kirche und Kalker Kapelle lag an der Öffnung zur belebten Haupt- und Geschäftsstraße - die regelmäßig für Bahnen, Lkws und Pkws die profane, endlose Prozession eines Verkehrstaus mit sich brachte - war für mich das Entree zu einer ersten städtischen Welt, mit einer kompak-ten, durch die Langsamkeiten und Verzögerungen gleich viel größer erscheinenden City, die dann der Smog der Kalker Chemiewerke als ein dämonisches Tor zu einer anderen, dahinter liegenden Welt überwölbte. Irgendwie war das ein riesig ausgewalztes Klein-köln auf der Schäl Sick, eine Art chemischer Dom mit einer anderen Art von Hohe Straße. Selten kam kein Rauch aus dem Turm und den Schornsteinen. Die Kalkwerke waren ein Zwischenreich der Hölle, ein wuchtiger Blasebalg mitten im Stadtbild der Häuser und Straßen, ein expressionistischer “Moloch”: helle, zum Teil giftig getönte Wolken pressten sich aus der Enge der Röhren und verkündeten die Kraft der chemi-schen Reaktionen, verbreiteten den Druck der Produktion, die Expansion der Leistung und den unsauberen Wohlstand, der den Arbeitern und Bürgerinnen und Bürgern, den Familien, die rund um die Werke wohnten, ein Leben ermöglichte, wie im Ruhrgebiet: im Smog verhangen, arbeitsbesessen, solidarisch im Tarif um Gehälter, Leistungen und Ausgleich ringend, Tag für Tag, Schicht für Schicht. Mein Freund hatte ein Teleskop, ich nur einen Feldstecher. Dabei beneidete er mich um die reine Luft draußen auf der Heide, wenn es darum ging, die nächtlichen Meteorfälle auszuzählen, oder eine Mond-finsternis oder einen womöglich bemannten Satelliten zu beobachten, denn das Welt-raumrennen und der Kalte Krieg waren ja im vollen Gange. Wir stehen heute im Foyer des Kalk-Karree, einem der enormen neuen Verwaltungsgebäude, in einer Zeit, in der Kalk und Köln einen riesigen Umzug und Umbruch hinter sich haben, eine hoffentlich funktionale Verdichtung und geographische Schwerpunktverlagerung des Kölner Ver-waltungszentrums nach Deutz und der Verschiebung der wirtschaftlichen Wachstumszone auf die rechtsrheinische Seite. Wir befinden uns in der Abschlussphase von vollendeten Projektionen und Planungen, sind Zeugen der massiven Realisierungs-schritte, die zum Abtritt der alten Kölner Messehallen an einen großen privaten Medien-konzern führen, der die jetzt schon überholte internationale Business-Drehscheibe im Dreiklang von Rhein, Altstadt und Hohenzollernbrücke auf seine Weise nützen wird: für die Medialisierung und Mediatisierung eines neuen pulsierenden historischen und touri-stischen Zentrums. Die Einheit von öffentlich-rechtlichem WDR-Sende-Hochhaus, der katholischen Kirchenlandschaft, der überlebten Einkaufsmeile und dem profanen Museumsufer zwischen Kunst und Schokolade wird weiter aufgesprengt. Auch wenn der Rhein und die Transgression des Flusses immer wieder ein ziviles und militärisches Zeichen für Bodengewinn und Bodenverlust waren - nicht nur durch die vielen Brücken mit ihren wunderbaren Panoramen ist das alte und das neue Köln auf beiden Seiten innerlich verbunden. Es war schon einmal der heftige Industrialisierungsschub, der ab Mitte der 80er Jahre des vorherigen Jahrhunderts zur Zerstörung großer Teile der alten Stadtmauern führte, um Areale und Verkehrswege für Produktion, Transport, Weiter-verarbeitung, Wohnraum und Vernetzung zu schaffen. Kalk ist das gute und das schlechte Gewissen in Kölns Osten, gleichsam der stinkende chemische "Nubbel" zwischen Wesseling und Knappsack im Süden und im Süd-Westen und Bayer-Lever-kusen im Norden, um nur einiges zu nennen, womit Köln immer mehr als nur eine schöne süffige Altstadt am goldenen Rhein sowie Handelsstadt und Verkehrsknoten-punkt für die nahe und ferne Umgebung in ganz Europa war.
Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Der Niedergang und Ausklang des indu-striellen Zeitalters, die Schließung von Fabriken und Betrieben, großen, mittleren und kleinen Unternehmen, haben auch das Industrieviertel Kalk erfasst. Die Kalkwerke fielen der Abbruchbirne zum Opfer und so wurde der Blick auf ein riesiges Areal frei an dessen Rand ein letztes Wahrzeichen verblieb: Der alte Turm der Kalker Chemiewerke, diese merkwürdige Kombination aus verjüngtem Stamm, Dose und Kegel mit einem kleinen, aber heißen Schornsteinhütchen mit dem früheren, jetzt eingeebneten Zu-gangskorridor. Das rauchende, dampfende, zischende und dröhnende Tor am Ende der Kalker Hauptstraße, das im Dunst den Weg freigab nach Deutz, zur Deutzer Freiheit und dann, vorbei an dem später gebauten Lufthansa-Haus, auf die Brücke, auf den freien Rheinübergang und den erwartungsvoll schweifenden Blick auf Kölns Altstadt, die sich wie ein lustiges Schiff im Flusswasser zu bewegen scheint, – dieses Tor fand selbst ein Ende mit dem Abbruch der Industrieanlage, in deren Boden die giftige Geschichte unter einem der vielen Einkaufszentren verebben soll. Auf der anderen Seite der Kalker Hauptstraße entstand ein umstrittenes High-Tech- und Genforschungs-Zentrum mit seinen fast perfekt abgeschotteten Labors, eine postmoderne Architektur, die Unsicht-barkeit und Geheimstufe, Privatisierung und zeitlich befristete Nutzung für Forscher-talente effektiv zur Eröffnung eines neuen, stark anonymisierten Wirtschaftszweiges verbindet, von dem wir nicht wissen, inwieweit er dem Bürger nützen oder ihn auch selbst in seiner Natur weiter ummodeln wird.
Und das Kalk Karree selbst inszeniert in seinem riesigen, mehrstöckigen Atrium eine gemäßigte Postmoderne, eine Flucht von Türen und Büros, die per Computer und Netz miteinander verbunden, eine elegante Version der verwalteten Welt darstellen. Im Souterrain dieses Gebäudes sind auch von außen riesige Aktenregale zu sehen: Das Verschwinden des Menschen in den Archiven, Akten und Daten, die noch den auto-risierten Träger Papier benötigen, wird so eindrucksvoll sichtbar gemacht.
Es scheint schon fast an Sisyphos’ Arbeit zu grenzen, wenn vier Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Jahrgänge sich dem Wandel und Umbruch in Köln-Kalk stel-len, und ihn an ausgewählten Punkten, Plätzen und Perspektiven ästhetisch als Künstler verarbeiten und gesellschaftlich-engagiert, als Bürger Kölns kommentieren.
GÜNTER VOSSIEK, ELISABETH OGILVIE, JOACHIM RÖMER, MARIETTA SCHWARZ haben in und an der stillgestellten, zwischenzeitlich von den Kölner Bühnen genutzten Industrie-Halle Kalk, hier im Foyer des neuen Verwaltungskomplexes Kalk-Karree, über der schon lange unterirdischen Haltestelle Kalker Kapelle ebenerdig und vor der teil-privatisierten Kalker Post gegenüber den demnächst eröffneten Arcaden Kunststationen im öffentlichen Raum geschaffen, Mixed Media, Multiples, Objekte und Installationen. Auf diese Weise soll den massiven, im Alltag oft ungreifbaren, in ihrer Dimension oder Abstraktion fast schon wieder unsichtbaren Veränderungen der Stadtentwicklung, ihren Möglichkeiten, Chancen und Risiken eine ANSICHT, eine ERFAHRUNG, ein BILD und ein SYMBOL verliehen werden, auf die die Bürgerinnen und Bürger seit Tagen bereits positiv durch Innehalten, Hinschauen, Kommunikation und Nachdenken reagieren.
(...)
JOACHIM RÖMER ist das engagierte künstlerische Herz von Kalk. Er hat seiner ge-liebten und immer wieder politisch engagiert verteidigtem Stadt vor der Stadt am Rhein, ein profanes SYMBOL des APPELLS zur ANTEILNAHME gewidmet, das an der U-Bahn-Station Kalker Kapelle sogar eine zivilreligiöse Konnotation hat. Allerdings eine, die tief in den materiellen Belangen und Bedürfnissen der Menschen angesichts ihres Lebens und Überlebens im nachindustriellen Zeitalter verankert ist. Seine 2,60 und 7,10 Meter große transparente Installation “Ans Eingemachte” ist ein Aufruf an die Kalker Mitbürger, sich an einer Kunstaktion im öffentlichen Raum in ganz eigener Sache zu beteiligen. Völlig offen, was unter dem “Eingemachten”, an das man sich heranwagen soll, zu verstehen sei, tragen die gerne angesprochenen Adressaten kleine Fundstücke aus ihren eigenen Alltag heran, um sie in die Weckgläser in 49 vertikal ausschwingen-den Hängungen zu deponieren, für alle Passanten sichtbar zwischen U-Bahn-Glasaufzug und nachts glühendem Stadtplan unter der Straßenbeleuchtung. Durch die anschraub-baren Plexiglaswände wird der an sich offene Vorgang der Gabe und Präsentation immer wieder begrenzt und aufgehalten, die allseits einsehbare Entstehung einer bei-derseitig transparenten Gedenkmauer der eingefassten, gebannten und dabei mon-stranzförmig präsentierten Fetische und Lieblingsobjekte, Signale und Botschaften: materielle Wünsche, egoistische Ziele, soziale und individuelle Hoffnungen, die Buch-eckern, aus denen man in der Not nach dem Krieg das entbehrte Öl für den verarmten Haushalt presste, schriftliche und fotografische Dokumente, darunter das Porträt der Dame, Frau Tumm mit ihrem jungen Yorkshire-Terrier Moritz, aufbewahrenswerte Er-lebnisse, Souvenirs, Naturprodukte, immer wieder Federn, Steine, aber auch künstliche Hände einer Puppe, ein grotesk aufgepumpter Kugelfisch, ein kleines Manifest, ein Veto gegen die Risiken und Irrtümer der Genindustrie. Römers Installation hat ein nostal-gisches und zugleich zeitgenössisches Gesicht, sie ist eine elementare Datenbank der einfachen Wünsche, ein Hibernakulum der Sehnsüchte, die ihren Winterschlaf halten, weil nicht sogleich erfüllt werden können, eine kollektive Kunstaktion aus Materialien und Stoffen der industriellen und sozialen Wirklichkeit und der reinen Natur wie bei Beuys. Römers schwingendes Archiv der Gegenwart ist eine Glasharfe heutiger Bürger-bedürfnisse, transparent, verletzlich, zerbrechlich, privat zurückgezogen und doch hochpolitisch aufgeladen, mit all den Sorgen um unsere Zukunft.
   
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